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Zum 90. Geburtstag

Friedhelm Borggrefe im Interview

Friedhelm Borggrefe feierte am vierten Adventswochenende seinen 90. Geburtstag. Für ihren Ehrenbürger lud die Stadt Ludwigshafen zu einer Feier in die Friedenskirche ein. Über die Zukunft der Kirche und ihre Stimme in der Stadt macht sich der protestantische Pfarrer und ehemalige Dekan noch immer viele Gedanken. Über einen großen Wunsch, gute Freunde und ein verbindendes Element sprach er im Vorfeld seines Ehrentages im Interview.


Kirche braucht mehr Fröhlichkeit und Humor. Davon ist Friedhelm Borggrefe überzeugt. Und davon, dass Kirche gerade in der Stadt viel zu sagen hat. Im Vorfeld seines 90. Geburtstags am 21. Dezember 2019 spricht der protestantische Pfarrer und Ehrenbürger der Stadt Ludwigshafen über Begegnungsräume in der Stadt, eine menschennahe Kirche und eine Energie, von der er sich wünscht, dass sie viel stärker gesucht wird.

Herr Borggrefe, am 21. Dezember werden Sie 90 Jahre alt. Mehr als die Hälfte Ihres Lebens haben Sie in Ludwigshafen verbracht. Zunächst als Pfarrer an der Friedenskirche vor den Toren der BASF, später als Dekan der Stadt. Kirche und Ludwigshafen gehörten für Sie damals wie heute zusammen, beide liegen ihnen noch immer sehr am Herzen. Wenn Sie sich etwas Immaterielles von der Kirche und der Stadt zu Ihrem Geburtstag wünschen könnten, was wäre das?

Die Stadt ist der Ort, wo wir zusammenleben wollen. Und es gibt eine Energie, die uns zusammenhält. Die Menschen sollten bewusster leben und nach dieser Energie fragen. Woher diese kommt, dazu hat Kirche dann eine Menge zu sagen. Und das sollte sie auch tun.

Sie kamen 1965 nach Ludwigshafen. 1972 schrieben Sie Ihre Promotion über das Thema „Kirche für die Großstadt“. Vieles hat sich hier seitdem verändert. Hat Kirche in der Stadt heute noch eine Zukunft?

Kirche wird zweifellos kleiner. Umso wichtiger ist es, dass wir nicht nur nach Strukturen fragen, uns allein um Gebäude und Personal kümmern. Wir müssen aufhören, uns nur mit uns zu beschäftigen. Auch eine kleiner werdende Kirche kann für alle Menschen da sein. Auch wenn es weniger professionelle Stimmen gibt, so hat Kirche, ich betone es nochmals, für alle etwas zu sagen.

Demnach finden Sie es nicht so schlimm, dass es schon jetzt immer weniger Pfarrer und Kirchengebäude gibt?

Ich bin sehr froh und dankbar, dass wir Räume haben, wo wir zusammenkommen können. Dass wir Bethäuser haben und Klanghäuser, wo wir singen und Musik machen können. Und ganz sicher ist ein Kirchengebäude ein Kraftwerk für die Seele. Doch es gibt eben auch Gebäude, von den wir uns trennen können, weil der Unterhalt oder notwendige Sanierungen Aufgaben werden, die wir nicht mehr stemmen können. Gleichzeitig können Kirchen auch zu Bürgerzentren werden oder für dringend benötigte Kitaplätze Platz bieten. Oder wir verbinden Kirchen mit einem bestimmten Konzept, wie das zum Beispiel mit der Friedenskirche als Kulturkirche gut funktioniert. Aber unsere Aufgabe ist in erster Linie nicht die Struktur, sondern die Theologie. Und für den Rest braucht die Kirche viele Freunde und Freundinnen.

Wie könnte es Kirche gelingen, wieder mehr Freunde zu gewinnen?

Kirche braucht viel mehr Fröhlichkeit und Humor. Und sie muss eine menschennahe Kirche sein. Schauen Sie sich die Stadtbibliothek an. Dies sollte bewusst ein Ort der Begegnung werden, in dem auch Platz für Kirche und Religion ist. Mitten in einer von vielen als tot bezeichneten Innenstadt funktioniert so ein Ding. Auch Kirche muss Menschen wieder stärker zusammenbringen, für Menschen da und offen sein.

Braucht es aber nicht genau dafür genügend Leute, die sich einbringen und engagieren?

Es gibt einen Satz, der mich tröstet: Gott arbeitet. Auch unabhängig von der Kirche. Ich muss nicht alles selbst tun. Gott ist der Wertgeber, Kirche nur die Stimme. Allerdings weiß ich auch: Um gehört zu werden, muss gerade die lokale Kirche dort aktiv und präsent sein, wo die Menschen tatsächlich sind.

Zum Beispiel bei der BASF… Sie galten als der „Pfarrer der BASF“, haben als Dekan die Verbindung zwischen Kirche und Chemie stets gehalten. Wird Kirche Ihrer Meinung nach auch in Zukunft eine Rolle für das Unternehmen spielen?

Versteht man Kirche als Wertgeber, dann eher nein. Aber für eine Kirche als Begleiterin der Menschen, die in der BASF arbeiten, ist das eine ganz große Nummer. Und viele Aniliner leben ja hier rund um die Friedenskirche. Da werden Ehen geschlossen und gehen auseinander, Kinder benötigen eine Betreuung, Jugendliche suchen Anschluss, die Menschen haben Stress, möchten Antworten auf soziale Fragen – hier wird Kirche nach wie vor gebraucht.

Auch Sie wurden von vielen Menschen im Laufe Ihres Lebens begleitet. Einige Ihrer Wegbegleiter werden Ihnen vermutlich am kommenden Samstag zu Ihrem 90. Geburtstag gratulieren. Wie werden Sie diesen besonderen Tag feiern?

Meine Frau und ich sind am 20. Dezember 65 Jahre verheiratet. Daher feiern wir mit unseren Kindern und Schwiegertöchtern sowie unseren fünf Enkeltöchtern bereits am Vorabend unsere Eiserne Hochzeit. Zu meinem 90. Geburtstag wird es einen besonderen Gottesdienst geben und im Anschluss lädt die Stadt Ludwigshafen zu einer Feier in die Friedenskirche ein. Seitdem ich Ehrenbürger der Stadt bin, werden die runden Geburtstage stets öffentlich gefeiert. Abends klingt der Tag dann wieder im familiären Kreis aus.

Worauf freuen Sie sich an diesem Tag besonders?

Zum einen auf die Predigt, die Dekanin Barbara Kohlstruck über unseren Trautext halten wird. Und ja, es werden einige meiner Wegbegleiter und gute Freunde dabei sein. Ich bin dankbar, dass meine wunderbare Frau und meine Familie an meiner Seite sind. Es ist schön, dass sich so viele Menschen Zeit für diese Feier nehmen und ich freue mich, dass der Chor für geistliche Musik im Gottesdienst singen wird.

Das Gespräch führte Ute Günther.
(17. Dezember 2019)

 

Zur Person Dr. Dr. Friedhelm Borggrefe

-         Geboren am 21. Dezember 1929 in Düsseldorf

-         Ältester von acht Geschwistern

-         Nach dem Abitur Studium der Theologie und Psychologie an der kirchlichen Hochschule Wuppertal, Universität Göttingen, Basel und Bonn

-         Erstes und Zweites Theologisches Examen 1954 und 1957 in Speyer

-         1959 – 1965 Pfarrer in Landau-Mörzheim

-         1965 – 1978 Pfarrer an der Friedenskirche in Ludwigshafen

-         1972 Promotion über „Kirche in der Großstadt“

-         1978 – 1994 Dekan des Kirchenbezirks Ludwigshafen

-         1996 Großes Goldenes Ehrenzeichen der Republik Österreich in Wien

-         1998 Ehrenbürger der Stadt Ludwigshafen als erster evangelischer Pfarrer

-         2001 Bundesverdienstkreuz

-         Sowie u.a. Autor zahlreiche Bücher über die kirchliche Situation in Tschechien, Polen und Österreich, Rundfunkautor, Archivarbeit z. B. zum Thema Juden in der BASF und 150 Jahre protestantische Kirche in Ludwigshafen, Projekte in der Kulturkirchenarbeit

 

 

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